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Fast außerirdische Präsenz

Mittelbayerische Zeitung - 7. März 2007

Rallye-Legende Walter Röhrl feiert heute irgendwo in den Tiroler Alpen 60. Geburtstag – wie immer abseits des großen Rummels.
Von Dieter Krelle, MZ

ST. ENGLMAR. „Da haben sie 50000 Mark ausgegeben, um dann zu erfahren, was ich eh schon wusste“, amüsiert sich Walter Röhrl, Deutschlands erster Automobilweltmeister, noch immer über eine Umfrage während der Rallye Deutschland 2001. „80 Prozent haben sich nur für das Rennen interessiert, weil ich im Porsche GT3 als Vorausfahrer gestartet bin. Die Leute wollten wieder mal ganz hautnah an mir dran sein.“ Jenen Menschen eine kleine Freude zu machen, „die sowieso nicht viel zu lachen haben“, das ist die Rolle, die dem eigentlich medienscheuen und trotzdem immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückten zweifachen Rallye-Weltmeister von 1980 und 1982 auf den Leib geschneidert zu sein scheint.

Dabei gibt er sich noch immer scheu wie ein Reh und begeht seinen 60. Geburtstag am heutigen Mittwoch irgendwo in der Einsamkeit der Tiroler Alpen abseits jeder gespurten Loipe, gemeinsam mit „meinem Freund Heiner“ auf mit Fellen bewehrten Langlaufskiern. Es war schon ein Zufall, den Regensburger, der sich längst an einem der schönsten Fleckchen in Deutschland eingerichtet hat, auf ein paar ruhige Stunden im Haus in St.Englmar im Bayerischen Wald anzutreffen. Dass kurz vor seinem Ehrentag ein Sportfahrerlehrgang am Polarkreis abgesagt worden war, half dem seit 15 Jahren Porsche repräsentierenden Asketen, „in meinem Refugium“ gegen eine Erkältung anzugehen. Und Ehefrau Monika kümmerte sich beruhigt um die Geschäfte in Regensburg, wohl wissend, dass die sanfte Katzendame Lisa den Walter leicht in ganz positive Stimmung versetzt.

Doch auch sie verhilft Röhrl nicht zu dem, was er in seinen stressigen Rallyefahrer-Jahren einfach deshalb fand, weil er nach irren Strapazen abends todmüde ins Bett fiel. „Ich war schon im Schlaflabor. Aber mehr als vier Stunden Schlaf bringe ich nicht zusammen“, sieht er den einzigen Nachteil in dem noch fast unmerklichen Rückzug aus dem automobilen Hochleistungssport.

25 Jahre hat er nicht nur in 75 WM- Rallyes oder auf der Rundstrecke, wo er 1979 nebenbei mit Lancia Tourenwagen-Markenweltmeister wurde, die Herausforderung gesucht. Als ihn 1968 sein Freund Herbert Maracek zur Teilnahme an der Bavaria Rallye überredete, steckte der Renn-Bazillus noch nicht in ihm. Den Klasseauftritt im Fiat 850 Coupe beendete die defekte Lichtmaschine. Pech bei Bavaria Nummer zwei: Das Duo übersieht eine Zeitkontrolle. Platz zwei ist futsch. Einer von vielen Rückschlägen, die den Rallye-Europameister von 1974 (Opel Ascona) nur stärker machten. Ob es 1973 in der mächtigen Schaukel Opel Commodore bei seinem Debüt auf der Rallye Monte Carlo gegen die Werks-Alpine ging, ob er 1982 im Opel Ascona gegen die übermächtigen Lancias zum zweiten Mal die Monte gewann und im selben Jahr sogar zum zweiten Mal Weltmeister wurde – immer beherrschte er, den Niki Lauda respektvoll „Das Genie auf Rädern“ nannte, das Übermaß an ungebändigten Motorkräften, steuerte mit geradezu außerirdischer Präzision. Und das, obwohl er wegen der 1,96m Größe quasi in einer unbequemen Rundrücken-Sitzposition das Lenkrad feinfühlig dirigieren musste.

Autos wie Skier zu steuern, das hatte Walter Röhrl schon mit 18 gelernt, als der kaufmännische Lehrling den unerschütterlichen Oberfinanzdirektor Dr. Heinrich Zenglein im Renntempo durch die Diözese Regensburg von einem Ordinariats-Termin zum anderen chauffierte. „Damals konntest du auf der Landstraße noch in zwei Stunden von Regensburg nach Würzburg fahren“, beschreibt Röhrl die autodidaktische Fahrerschulung Ende der 60er. Dass er aus dem bischöflichen Büro-Job ausbrach, sehr zum Entsetzen seiner Mutter, war letztlich auch Produkt dieser Ausbildung. Und dass er in seinem Beruf unvergessliche Spuren hinterließ, wie einst die Sonderprüfung im Nebel bei der Rallye Portugal, als er der Konkurrenz auf 40 Kilometer fünf Minuten abnahm, war einem jener Zornesanfälle geschuldet, mit denen der unverbiegbare Profi auf seine unnachahmliche Art Grant bewältigte.

Mit solchen Fahrten strickte der Regensburger immer wieder an seiner Fahrer-Legende, die ihm die Hochachtung der Konkurrenten wie Sandro Munari, Marku Alen, Björn Waldegaard, Ari Vatanen, Stig Blomqvist und Timo Salonen einbrachte. „Auto fahren konnten die alle wie Hölle. Aber damals habe ich noch nicht gewusst, was die nebenbei geschluckt haben.“ Das hätte einen Walter Röhrl, der 60 Stunden am Stück am Steuer ohne jede Tablette durchhalten konnte, umgeworfen.

Schneller sind mittlerweile nur die Autos geworden, und Röhrl ist heute schon zufrieden, wenn er den von ihm maßgeblich mitentwickelten Porsche GT3 RS, mit dem er unter 7:42 Minuten (schneller als die Formel 1 zu Lauda-Zeiten) die Nordschleife auf dem Nürburgring bewältigt, auf der Autobahn mit Tempo 160 bewegt. Für ihn ist das ähnlich umweltschonend, wie wenn er von St. Englmar nach Regensburg radelt, was er sehr häufig tut, um sich die Fitness zu bewahren, die ihn in seiner großen Rallyefahrerzeit hoch über die Konkurrenz erhob.

Natürlich weiß er um den Zwiespalt zwischen seiner automobilen Passion und seiner eigenen Naturverbundenheit und versucht deshalb seine CO-Bilanz als Privatperson so gering wie möglich zu halten. „Ich predige immer, die Autos könnten viel leichter sein.“ Und in Kolumnen gibt er ständig Tipps zur Vernunft am Steuer. Dass da nicht mal sein Vorbild viel bewirken kann, weiß er selbst.